Schul- und Bildungssystem in China

Zwischen Tradition, Leistungsdruck und persönlicher Erfahrung: Das Projekt an der Leverkusener Berufsschule beleuchtet das chinesische Bildungssystem und lädt dazu ein, Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit Deutschland kritisch zu hinterfragen.

Von der Vorbereitung zur Präsentation – Ein Projekt entsteht

Zur Vorbereitung meines Projekts habe ich mich mit dem Konfuzius-Institut Metropole Ruhr in Verbindung gesetzt. Dort durfte ich mein Projektkonzept vorstellen. Die Direktorinnen und Direktoren gaben mir hilfreiche Rückmeldungen zur thematischen Struktur sowie zur Durchführung des Projekts. Darüber hinaus erhielt ich von ihnen verschiedene Bücher und Magazine zu meinem Thema, damit ich die Inhalte auch fachlich korrekt und quellenbasiert präsentieren konnte. Damit ich authentisch über meine eigene Schulzeit und meine ehemalige Schule berichten konnte, bat ich meine frühere Biologie-Lehrerin an meiner Mittelschule darum, aktuelle Fotos der Schule aufzunehmen und mir zuzuschicken. Zusätzlich schickte mir meine Mutter meinen alten Stundenplan aus der Grundschule, den ich ebenfalls in die Präsentation einbauen konnte. Für die Sammlung weiterer Materialien und Quellen nutzte ich außerdem häufig Informationen des chinesischen Bildungsministeriums, die ich eigenständig ins Deutsche übersetzte und für die Präsentation aufbereitete. Zusätzlich druckte ich einen Artikel über chinesische Eltern aus und verteilte ihn an die Schülerinnen und Schüler. Die Aufgabe bestand darin, den Text innerhalb einer begrenzten Zeit zu lesen und anschließend zusammenzufassen, welche Eigenschaften chinesische Eltern aus ihrer Sicht haben.

Xi, chinesischer Student, bei seiner Projektdurchführung in Leverkusen
© privat/DAAD

Perspektiven auf das chinesische Schulleben

Mein Vortrag bestand aus insgesamt sechs Teilen.
Zu Beginn bat ich die Schulklasse, an einer kleinen Umfrage teilzunehmen. Dabei sammelte ich mithilfe einiger Stichworte ihre Eindrücke über chinesische Schulen und chinesische Schüler/-innen. Die Antworten wurden anschließend in Form von Wortwolken präsentiert. Gemeinsam diskutierten wir danach, inwiefern diese Eindrücke mit der Realität übereinstimmen oder durch Medien und Vorurteile geprägt sind.
Im ersten Teil stellte ich allen meine ehemalige Mittelschule vor. Dafür zeigte ich verschiedene Fotos von Klassenzimmern, Unterrichtsgebäuden, der Bibliothek, Lernräumen, dem Sportplatz und der Mensa. Zusätzlich präsentierte ich eine digitale Karte meiner Schule und ihrer Umgebung aus der Vogelperspektive, die ich von der Website der Schule übernommen hatte. Dadurch konnte die Schulklasse einen Eindruck davon bekommen, wie eine typische chinesische Schule aufgebaut ist und welche Ausstattung sie besitzt.
Im zweiten Teil verglich ich die Grundstruktur des chinesischen und deutschen Bildungssystems. Dafür stellte ich die verschiedenen Schulformen und Altersstufen beider Länder grafisch gegenüber. Der Klassenlehrer ergänzte dabei Informationen zum deutschen Bildungssystem, insbesondere dazu, wie die Entscheidung für unterschiedliche Schulformen früher getroffen wurde und heute getroffen wird und welche wichtigen Prüfungen deutsche Schülerinnen und Schüler während ihrer Schulzeit absolvieren müssen. Diese Ergänzung bildeten eine gute Überleitung zu meinem nächsten Themenbereich über Prüfungen in China.
Im dritten Teil meines Vortrags stellte ich einen typischen Schultag in China vor. Dazu zeigte ich meinen eigenen Stundenplan aus der Grundschule sowie Videos zu besonderen schulischen Aktivitäten wie der Flaggenzeremonie, den Übungen zum Augenschutz und der gemeinsamen Gymnastik. Anschließend führten wir eine offene Diskussion über die Vor- und Nachteile solcher Aktivitäten. Außerdem präsentierte ich eine von mir selbst übersetzte Grafik über die verschiedenen Unterrichtsfächer und die jeweiligen zuständigen Klassenstufen vom chinesischen Bildungsministerium.
Der vierte Teil war der zentrale Schwerpunkt meines Vortrags und behandelte das chinesische Prüfungssystem in Vergangenheit und Gegenwart. Zunächst erklärte ich das historische Prüfungssystem „Keju“, damit die Klasse verstehen konnten, wie sich die Bedeutung von Prüfungen in China historisch entwickelt hat und welche gesellschaftliche Funktion sie hatten. Anschließend stellte ich die Hochschulzugangsprüfung „Gaokao“ vor, die international für ihren hohen Leistungsdruck und ihre starke Konkurrenz bekannt ist. Aus meiner persönlichen Perspektive erläuterte ich die intensive Vorbereitung, die Andeutung der Prüfung im Alltag, die strengen Prüfungsbedingungen, den sozialen Vergleich unter Schülerinnen und Schülern sowie die Angst vor einer Wiederholung der Prüfung. Dabei verwendete ich auch authentische Fotos aus Prüfungs- und Vorbereitungssituationen. Danach diskutieren wir gemeinsam darüber, wie sich das chinesische Prüfungssystem von dem deutschen Prüfungssystem unterscheidet und welche gesellschaftlichen Faktoren zu diesen Unterschieden beitragen.
Im fünften Teil sprach ich über die Beziehungen zwischen Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrkräften in China. Dabei erklärte ich zunächst die Unterschiede zwischen früheren und heutigen Lehrer-Schüler-Beziehungen. Außerdem stellte ich das chinesische Klassenkomitee vor und erläuterte, wie Klassenorganisation und Verwaltung in China funktionieren. Anschließend verteilte ich einen vorbereiteten Artikel über ein Interview mit einer chinesischen Mutter. Nach dem Lesen fassten alle gemeinsam zusammen, welche Eigenschaften chinesische Eltern aus ihrer Sicht haben und verglichen diese mit ihren eigenen Erfahrungen mit Eltern in Deutschland. Abschließend äußerte auch ich meine persönliche Meinung zu diesem Thema.
Im letzten Teil meines Vortrags ging es um Freizeit und außerschulische Aktivitäten in chinesischen Schulen. Ich sprach über Feiertage, beliebte Sportarten, schulische AGs sowie besondere Veranstaltungen und Wettbewerbe. Dazu zeigte ich Fotos von besonderen Aktivitäten wie Federfußball (einer traditionellen chinesischen Sportart), einem Lesefest an einer Schule sowie Wettbewerbe in Form von Theateraufführungen auf Grundlage von Lehrbüchern im Fach Chinesisch.

Bildung im Vergleich – Zwischen persönlichen Erfahrungen und gesellschaftlichen Vorstellungen

Meiner Meinung nach ist das Bildungssystem ein Thema, das sowohl Schülerinnen und Schüler in Europa als auch internationale Studierende in Deutschland im Alltag oft als selbstverständlich wahrnehmen, obwohl es unsere Interessen, Lernmethoden und Denkweisen stark beeinflusst. Als ich vor drei Jahren als Nachhilfelehrer gearbeitet habe, hatte ich die Möglichkeit, mich intensiver mit dem deutschen Bildungssystem auseinanderzusetzen. Dabei ist mit aufgefallen, dass sich sowohl die Inhalte des Lernens als auch die Art des Unterrichts, schulische Aktivitäten und der Umgang mit bestimmten Themen deutlich von meinen eigenen Erfahrungen in China unterscheiden.
Gleichzeitig ist Bildung ein Thema, zu dem jede/r eigene Erfahrungen und Meinungen hat. Dadurch eignet es sich besonders gut für gemeinsame Diskussionen über positive und negative Aspekte sowie darüber, welchen Einfluss das jeweilige Bildungssystem auf die persönliche Entwicklung eines Menschen hat.
Außerdem habe ich durch Kommentare in sozialen Medien und digitalen Nachrichten oft den Eindruck bekommen, dass chinesische Schülerinnen und Schüler häufig mit Begriffen wie „fleißig“, „diszipliniert“ oder „gestresst“ beschrieben werden. Das chinesische Bildungssystem wird dabei oft als „hart“, „standardisiert“ oder „autoritär“ wahrgenommen, während europäische Bildungssystems aus chinesischer Perspektive eher mit „leicht“, „individualisiert“ und „demokratisch“ verbunden werden. Ich finde jedoch, dass man bei der Bewertung eines Bildungssystems immer auch den gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrund des jeweiligen Landes berücksichtigen sollte.
In meinem Projekt habe ich deshalb mehrere offene Diskussionen angeboten, in denen wir das chinesische und deutsche Bildungssystem hinsichtlich ihrer Entwicklung, ihrer Strukturen und der menschlichen Beziehungen innerhalb der Schule miteinander verglichen haben. Dabei konnten die Schülerinnen und Schüler offen ihre Meinungen äußern und auch ich habe meine persönlichen Erfahrungen eingebracht. Ich hoffe, dass alle durch meinen Vortrag eine differenzierte und kritische Reflexion über Bildungssysteme entwickeln konnten.
Begegnung statt Vorurteile – Was „Europa macht Schule“ bewirken kann
Ich finde, dass das Programm „Europa macht Schule“ einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft leistet. Heutzutage existieren viele stereotype Vorstellungen über bestimmte Länder und die Menschen, die dort leben, die oft nicht der Realität entsprechen. Durch mein Projekt konnte ich authentisch über meine eigenen Erfahrungen in meiner Heimat berichten und direkt mit den Schülerinnen und Schülern über verschiedene Themen diskutieren. Dadurch konnten die Inhalte persönlicher, greifbarer und menschlicher vermittelt werden. Im Vergleich zu reinen Statistiken oder teilweise vereinfachten, beziehungsweise verzerrten Darstellungen in den Medien empfinde ich diesen direkten und persönlichen Austausch als besonders wertvoll.

Porträtfoto Xi Chen
© privat/DAAD

Projektangaben

Student: Xi Chen
Herkunftsland: China
Studienfach: Psychologie
Schule: Geschwister-Scholl-Berufskolleg Leverkusen
Schulform & Klasse: Berufsschule, 12. Klasse