Europa erfahren – mit Blick auf Istanbul
Marcel Nashwan, Studierender der Rechtswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, hat ein Back to School-Projekt zu seinem Gastland, der Türkei, in einer 10. Klasse am Wilhelm-Hittorf-Gymnasium in Münster durchgeführt.
Vorbereitung und Durchführung
„Mein Auslandssemester an der Bahçeşehir Universität in Istanbul war für mich weit mehr als nur ein Studienaufenthalt. Es war eine für mich sehr prägende Zeit, in der ich durch die einzigartige Lage der Stadt zwischen Orient und Okzident neue Perspektiven auf das Leben, auf Europa und auch auf mich selbst gewinnen konnte. Diese Eindrücke konnte ich in Zusammenarbeit mit dem Back to School-Team im DAAD mit einer 10. Klasse am Wilhelm-Hittorf-Gymnasium in Münster teilen. Nicht in Form eines starren Vortrags, sondern als dialogisch gestaltete Unterrichtseinheit.
Nach einem kurzen persönlichen Einstieg sprachen wir über die Vorstellungen, Erwartungen und auch Klischees, die die Schülerinnen und Schüler mit Istanbul verbanden. Mein inhaltlicher Schwerpunkt lag dabei weniger auf Istanbul als touristischem Ziel, sondern auf der tiefergehenden Frage, wie junge Menschen Europa und Auslandserfahrungen heute wahrnehmen.
Mithilfe eines von mir entwickelten Reflexionsarbeitsblatts gingen wir der Frage nach, was ein Auslandsaufenthalt für sie bedeutet: welche Hoffnungen sie damit verbinden, welche Chancen sie sehen und wo sie mögliche Hürden vermuten. Mein Ziel war es, Neugier für andere Kulturen zu wecken und Europa als Erfahrungsraum greifbar zu machen. Anstatt Wissen vorzugeben, wollte ich zuhören, nachfragen und so gemeinsam Erkenntnisse gewinnen. So konnten die Schülerinnen und Schülern ihre eigenen Sichtweisen einbringen, reflektieren und vielleicht Denkanstöße mitnehmen, die sie auf ihrem weiteren Weg begleiten.
Arbeit mit der Klasse
Der Unterricht entwickelte schnell eine sehr lebendige Dynamik und glich eher einem offenen Symposium als einer klassischen Unterrichtsstunde. Die Schülerinnen und Schüler waren von Beginn an aufmerksam, neugierig und voller Fragen und Antworten. Nach einer kurzen Vorstellung meiner Person und meines Auslandssemesters sprachen wir über ihre Erwartungen an ein Studium, ein Praktikum und ganz allgemein an das Leben im Ausland. Die Aufgaben des Arbeitsblatts wurden gemeinschaftlich und von Aufgabe zu Aufgabe bearbeitet, was zu einer offenen und vertrauensvollen Atmosphäre beigetragen hat. Dabei gab es keine falschen Antworten, sodass jede Meinung den Raum bekam, den sie verdiente. Besonders eindrücklich war die abschließende Fragerunde, die von organisatorischen Fragen zum Studium über finanzielle Fördermöglichkeiten bis hin zu sehr persönlichen Eindrücken aus Istanbul reichte. Auch die Lehrkraft, die selbst Auslandserfahrung gesammelt hatte, brachte dabei wertvolle Perspektiven ein und bereicherte das Gespräch zusätzlich. Gerade weil das Projekt nicht Teil des Lehrplans war, sondern von außen in den Unterricht kam, war das Interesse der Schülerinnen und Schüler besonders groß.
Ich glaube, dass es für die Schülerinnen und Schüler einen Unterschied machte, dass ich selbst nicht viel älter bin und denselben Schulweg durchlaufen habe. Das machte meine Erfahrungen für sie greifbarer und authentischer und sie hörten aufmerksam zu. Das Feedback der Klasse und der Lehrkraft war durchweg positiv und dankbar für diesen Impuls.
Tipps
Mein wichtigster Tipp für andere Back to School-Teilnehmende lautet: Gestaltet die Stunde nicht als Vortrag, sondern als Gespräch. Die Schülerinnen und Schüler reagierten spürbar positiv, als sie merkten, dass sie mitgestalten und mitreden dürfen. Ein Arbeitsblatt oder eine grobe Struktur hilft, den roten Faden zu behalten, ohne das Gespräch starr zu machen. Persönliche Erfahrungen, auch Unsicherheiten, machen das Ganze glaubwürdig und nahbar. Sehr wichtig ist zudem die Zusammenarbeit mit der Lehrkraft, sowohl organisatorisch als auch inhaltlich. Wer im Vorfeld abstimmt, was möglich und sinnvoll ist, kann die Zeit optimal nutzen. Und zuletzt: Hört wirklich zu. Was die Schülerinnen und Schüler selbst über Europa, Ausland und Zukunft denken, ist mindestens so spannend wie das, was man selbst zu erzählen hat.
Nach der Stunde habe ich mich durch den lebendigen Austausch ebenso wie durch das Wiedersehen mit meiner alten Schule unglaublich bereichert gefühlt. Es war etwas Besonderes, diesen vertrauten Ort nun mit einem erwachsenen Blick zu erleben und den Kontakt zu ehemaligen Lehrkräften wieder aufleben zu lassen. Das positive und sehr wertschätzende Feedback der Klasse hat mich nachhaltig motiviert. Ich spiele mit dem Gedanken, in Zukunft auch weiteren Klassen einen Einblick in meine Auslandserfahrungen zu geben. Dem DAAD danke ich sehr herzlich für die Möglichkeit, an diesem Programm teilzunehmen und meine Erfahrungen auf so sinnvolle Weise weiterzugeben.“
Wir danken Marcel ganz herzlich für diesen Projektbericht!


